Warum Deutschlands Smart-Meter-System an seine Grenzen stößt
Dynamische Stromtarife sind seit 2025 gesetzliche Pflicht für jeden Anbieter mit Smart-Meter-Kunden, dynamische Netzentgelte nach §14a EnWG sind bereits in der Umsetzung. Beide Modelle stehen und fallen mit einem exakten Messwert für jede Viertelstunde. Genau an diesem Punkt setzt eine aktuelle Fachdiskussion an, die Messwesen-Experte Gerhard Radtke angestoßen hat – ehemals Leiter Innovationen und Produkte bei der Innogy Metering GmbH und seit den 1990er-Jahren im Zähl- und Messwesen aktiv.
Der Zähler misst richtig – das Problem liegt woanders
Die moderne Messeinrichtung (mME), der digitale Basiszähler, misst korrekt. Das Problem liegt anderswo: Die mME besitzt keine Echtzeituhr, sondern speichert Werte nur mit einem relativen Sekundenindex – wie eine Stoppuhr, die beim Einbau startet. Eine echte, eichrechtskonforme Uhrzeit bekommt der Messwert erst über das Smart Meter Gateway (SMGW), das den Zähler regelmäßig abfragt und die Werte mit einem gültigen Zeitstempel versieht.
Begriffserklärung
Eine lineare Interpolation bedeutet ganz einfach: Man schätzt einen unbekannten Wert, der zwischen zwei bekannten Werten liegt. Ein Balkonkraftwerk erzeugt bei 20 °C eine Leistung von 300 Watt und bei 30 °C eine Leistung von 280 Watt. Möchte man die Leistung bei 25 °C wissen, liegt dieser Wert genau in der Mitte – also ungefähr bei 290 Watt.
Warum das bei dynamischen Tarifen plötzlich wichtig wird
Solange alle Kilowattstunden gleich viel kosten, ist es egal, ob ein Wert eine Viertelstunde früher oder später zugeordnet wird. Bei dynamischen Preisen ändert sich das. Ein Beispiel: Eine Wärmepumpe läuft gezielt in einer günstigen Mittagsstunde. Fällt genau dann die Übertragung aus, verteilt die Interpolation den Verbrauch rechnerisch auch auf teurere Zeitfenster – obwohl die Anlage da längst abgeschaltet war. Wer sich besonders flexibel verhält, kann so am Ende sogar draufzahlen.
Nach Angaben einzelner Marktakteure können Ersatzwerte in bestimmten Anwendungsfällen einen Anteil von bis zu zehn Prozent der Messwerte ausmachen. Eine repräsentative amtliche Statistik der Bundesnetzagentur hierzu ist bislang nicht veröffentlicht.
1:n-Auslesung: Ein Sparmodell trifft auf eine Schwachstelle
Aktuell wird verstärkt über die sogenannte 1:n-Auslesung diskutiert: Statt eines Gateways pro Zähler sollen künftig mehrere Zähler – etwa alle Wohnungen eines Mehrfamilienhauses – über ein einziges Gateway laufen. Wirtschaftlich attraktiv, da das Gateway die teuerste Komponente ist. Nur: Die Basiszähler wurden für dieses Szenario nie konzipiert.
Begriffserklärung
Bei der 1:n-Auslesung kommuniziert ein einzelnes Smart Meter Gateway nicht mehr nur mit einem, sondern mit mehreren (n) Zählern gleichzeitig – anders als beim bisherigen Standardmodell, bei dem jeder Zähler sein eigenes Gateway erhält.
Historisch gewachsen, aber nicht mehr zeitgemäß
Als das iMSys zwischen 2013 und 2016 konzipiert wurde, war weder ein flächendeckender Rollout noch der heutige Bedarf an dynamischen Preisen absehbar. Der Verzicht auf eine Echtzeituhr im Zähler erschien damals nachvollziehbar. International ist das allerdings ein deutscher Sonderweg: In Skandinavien oder auch Italien erfasst der Zähler den Zeitstempel meist selbst.
Was jetzt gefordert wird
Der Beitrag fordert drei Dinge: Transparenz bei Ersatzwertquoten, getrennt nach 1:1- und 1:n-Konstellationen; eine offene Architekturdebatte darüber, ob die Zeitstempelung zurück in den Zähler gehört; und Evidenz vor Skalierung – die 1:n-Auslesung sollte erst breit ausgerollt werden, wenn ihre Auswirkungen auf die Datenqualität belastbar untersucht sind.
Stimme aus dem eigenen Haus: Christian Ofenheusle zu SmartMeterLight
„Es braucht eine ehrliche, ergebnisoffene Diskussion über die technischen Bausteine über die gesamte Nutzungsdauer hinweg – auch wenn die eigene bevorzugte Lösung dabei angreifbar wird. Wir werden beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einen entsprechenden Stakeholderprozess einfordern. Damit wird zwar womöglich das aktuelle legislative Zeitfenster verpasst, aber diese Entscheidung beeinflusst die Gestaltung der Energieversorgung in Deutschland auf Jahrzehnte hin. Das darf nicht übers Knie gebrochen werden,“ so der Experte.
Fazit
Die Energiewende lebt von exakten Preissignalen – und die funktionieren nur, wenn die Messwerte dahinter stimmen. Ob bei der Zeitstempelung oder bei #SmartMeterLight: Am Ende zählt dieselbe Frage – wird gründlich entschieden oder nur schnell?





